Albanien erleben! Hinter dem Horizont geht's weiter

Apollonia Tempelruine
  • Erschienen am 19.04.2017
  • Zeitung: Omnibusrevue 12/2005
Hinter dem Horizont geht's weiter

Arriva Albania: Ein Massenziel wird es wohl nie werden, dennoch - Albanien ist unbedingt eine Reise wert. Nicht nur wegen der eher unkonventionellen Hauptstadt Tirana, den unberührten Küsten an der Adria oder den UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten im bergigen Hinterland, sondern auch deshalb, weil dem reise- (und medien-!) erfahrenen Europäer hier einmal so richtig ein Spiegel vorgehalten wird. Es gibt kaum ein Land in Europa, das so unter Vorurteilen zu leiden hat, wie Albanien. Wolff Ost-Reisen ermöglichte einen Besuch im unbekannten Land und erschloss damit ungeahnte Horizonte.

Kaum Spuren vom muffigen Sozialismus alter Tage, kein Überfall hinter der nächsten Hausecke. Albanien ist heiter und schön! Höchste Zeit, aus dem touristischen Dornröschenschlaf zu erwachen. Albanien, eine echte Entdeckung!

Mal ehrlich, gibt es ein Land, in dem der frisch gewählte Oberbürgermeister der Hauptstadt trotz chronisch leerer Kassen kostenlos Farbe verteilen lässt, damit die Bewohner ihre Häuser bemalen können? So geschehen in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, nach der Abkehr vom Sozialismus. Wenn die meisten der Einwohner schon ihr Leben in den hässlichen Plattenbauten verbringen müssten, dann sollten diese wenigstens bunt sein. Heraus kam eine sehr individuelle Mischund aus Kitsch und Kunst, die in Europa ihresgleichen sucht. (...) Aber immer der Reihe nach: Die Ankunftshalle am Flughafen gleicht dem Busbahnhof einer Kleinstadt auf dem Balkan, das aufgeregte Gewusel auf dem Vorplatze einem orientalischen Basar. Es gibt von Deutschland aus übrigens mehrmals täglich gute Verbindungen mit Lufthansa / Austrian Airways und der Allitalia über Wien bzw. Mailand nach Tirana. (...)
Das Wetter ist schön und der Flughafen liegt zwischen Tirana und Durres, einer beliebten Hafenstadt an der Adriaküste. Also geht es kurz entschlossen direkt ans Meer. Was folgt, ist eine erste Begegnung mit Albaniens Straßen, genauer gesagt mit deren Schlaglöchern. Mitteleuropäische Fünf-Sterne-Busse hätten sicher ihre Mühen, aber den altersschwachen Überland- und Schulbussen scheinen die Straßenverhältnisse nichts auszumachen, sie brausen munter hupend an uns vorbei. Auf einigen von ihnen sind tatsächlich noch alte Lackierungen deutscher Omnibusunternehmen zu erkennen.

Vorbei geht die etwa dreißig Kilometer lange Fahrt an Obstständen, verlassenen Fabrikhallen, üppig grünen Feldern und nagelneuen Einfamilienhäusern. "Das sind die Häuser der Gastarbeiter. Sie arbeiten zum Teil schon viele Jahre im Ausland und errichten dann aus lauter Stolz über das verdiente Geld kleine Villen in ihren Heimatdörfern, auch wenn sie wissen, dass sie dort vielleicht nie wohnen werden.", erklärt Jeta, unsere Führerin. Auffällig weiterhin die extrem hohe Dichte von PKW der Marke Mercedes Benz. Die Baujahre variieren von 1967 bis 2005. "Nein", lacht Sava als ob sie Gedanken lesen könne, "die Autos sind nicht geklaut, jedenfalls die meisten nicht", schränkt sie ein. "Die Kontrollen an den Fähren von Italien und an den nördlichen Landesgrenzen sind extrem streng. Ausländische Autos erhalten eine zeitlich befristete Fahrerlaubnis, die bei Strassenkontrollen immer überprüft wird. Wird ein Vergehen aufgedeckt, drohen drastische Strafen,um eine Abschreckung vor Diebstählen zu schaffen."

Offensichtlich mit Erfolg. Denn als wir die Strandpromenade von Durres erreichen, lassen wir unser Auto unverschlossen auf einem Parkplatz stehen. Die beiden Reisebegleiterinnen kommen noch nicht einmal auf die Idee, ihnen könnte etwas geklaut werden. "Auch so ein Vorurteil, was wir oft von Ausländern hören.", greift Jeta das Thema auf. "Albanien ist nicht unsicherer als irgend ein anderes Land in Europa. Sicher gibt es hier Diebstähle, aber nicht mehr als beispielsweise in Italien, wo ich selbst zweimal bestohlen wurde." Auch später auf unserer etwa sechstägigen Rundreise gibt es nicht einmal eine auch nur annähernd kritische Situation, was das Thema Kriminalität betrifft. (...)

Zwischen Durres und Tirana dann das erste historische Highlight der Rundreise: Hier befindet sich Appolonia, eines der wichtigsten Monumente Albaniens. Die einst sehr wohlhabende Stadt wurde 588 v. Chr. auf einem Hügel erbaut, von dem aus das Meer sichtbar war. Heute zeugen noch gut erhaltene Überreste und ein Museum vom aktiven Handelsleben im Altertum.

Dann am Abend endlich Tirana, die bekanntlich recht bunte Hauptstadt Albaniens. Eine weitere Überraschung die Unterkunft. Das erst kürzlich eröffnete und tipptopp gepflegte Sheraton-Hotel überzeugte mit modernstem Design. Am Abend ging es in das pulsierende Nachtleben von Tirana. Obwohl es Montag war, waren die Bars und Kneipen voller Menschen. Die meisten von ihnen Studenten, aber auch schicke Yuppies in gestyltem Outfit. (...) Wie es sich für den Süden gehört, spielt sich das Leben meistens draußen ab. So tummeln sich in den Vorgärten der einstigen Machthabern heute Live-Bands, die neben weltweit gängigen Hits auch erstklassigen Jazz, Latin und Oriental-Pop zum Besten geben. (...)
Am nächsten Tag verlassen wir die Hauptstadt und fahren an der Küste entlang Richtung Süden. Es geht durch kleine Städte mit farbenprächtigen Fotomotiven. Alles ist irgendwie unverfälscht und authentisch. Vielleicht war es genauso, als man von vierzig Jahren durch die italienische Provinz oder vor zwanzig Jahren an der Küste der Türkei entlang fuhr. Albanien steckt noch in den Kinderschuhen des Tourismus, das hat noch was! (...) Ein weiterer Pluspunkt Albaniens gerade in der heutigen Zeit wird klar, als das Gespräch auf die Religion kommt. "Albanien ist zwar zu 70 Prozent islamisch geprägt," erklärt Sava, "aber nur wenige Bürger praktizieren ihren Glauben. Es gibt nur wenige Moscheen und Gebetshäuser. Dem reliösen Fanatismus egal welcher Glaubensgemeinschaft, stehen wir genauso fassungslos gegenüber wie die westliche Welt." Am folgenden Tag fahren wir immer weiter südlich fast bis zur griechischen Grenze. Wir überqueren wolkenverhangene Bergketten mit einer herbstlichen Vegetation und schneebedeckten Gipfeln, wie sie die Rocky Mountains nicht besser bieten können. Zwischendurch immer wieder kleine Dörfer, störrische Esel am Straßenrand und freundliche Menschen, die winken, uns einladen zu Obst und Wein. An der Adria-Küste menschenleere, malerische Strände, völlig unerschlossen. Das Wasser ist sauber, klar und so türkis wie in der Karibik. (...) Die Rückfahrt nach Tirana führt uns durchs grüne und bergige Hinterland Albaniens. Im Landesinneren stehen ganze Orte unter UNESCO-Weltkulturerbe-Schutz, wie etwa die Stadt Berat, die sich komplett erhaltena uf einem weit sichtbaren Schlossberg erstreckt. Auf dem Weg aber auch verwahrloste Raffinerien aus alten Zeiten, dann wieder Wasserfälle, Sonnenblumenfelder...(..)

Fazit: Nichts ist perfekt in Albanien - und gerade das macht den Charme des Landes aus. Es ist das richtige Reiseziel für Menschen mit Pioniergeist, die mit zu den ersten zählen wollen, die einen "weißen Fleck" auf der touristischen Landkarte erleben. Es gilt, Vorurteile zu überwinden, denn Albanien ist erfrischend anders. Oder, wie Adrian, der intelektuelle Hotelbesitzer es uns mit auf den Weg gab: "Show them, how we live here in peace, tell them, that we are friendly people and that we want to be part of Europe!"

Jörg Spoede

Berat - Blick zum Berg Tomor Ardenica Apollonia Tempelruine Felsformationen an der Adriaküste